Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Menschen mittlerweile über ihr Nervensystem sprechen und finde das richtig toll. Da liegt so eine große Chance drin. Da mir aber immer wieder auffällt, dass wir nicht alle vom gleichen sprechen, habe ich ein paar Texte geschrieben — um zu beschreiben, was ich meine, wenn ich sage, dass ich mit dem Nervensystem arbeite.
Fangen wir mit den Grundlagen an.
Serie: Das Nervensystem
- Das Nervensystem kurz erklärtDu bist hier
- Das Nervensystem als Überlebenssystem
- Wenn das Nervensystem stecken bleibt
- Die Kapazität des NervensystemsBald verfügbar
- Was der Körper damit zu tun hatBald verfügbar
- Regulation — wie Übungen helfen und was SE anders machtBald verfügbar
- Buch- und Podcastempfehlungen: Das Nervensystem verstehen
Es geht um mehr als nur um Sympathikus und Parasympathikus
Das autonome Nervensystem ist das System, das im Hintergrund deinen Körper steuert: Herzschlag, Atmung, Verdauung und so weiter. Es ist rund um die Uhr aktiv — und es reagiert ständig auf das, was um dich herum und in dir passiert.
Viele Menschen kennen die Unterteilung des Nervensystems in Sympathikus und Parasympathikus. Aktivierung und Beruhigung. Gas und Bremse. Das stimmt zwar irgendwie, richtig interessant wird es aber, wenn man das noch weiter ausdifferenziert: Die Polyvagaltheorie unterscheidet beim Parasympathikus zwischen dem ventralen und dem dorsalen Vaguspfad — und berücksichtigt Sicherheit, Neurozeption und Co-Regulation. Dazu mehr in den folgenden Texten.
Die Polyvagaltheorie, entwickelt von Stephen Porges, PhD, ist ein wissenschaftliches Rahmenkonzept, das sich auf die Regulation des autonomen Nervensystems konzentriert.
Das Nervensystem in Alltagssituationen — wenn jemand sich sicher fühlt
Manchmal klingt es so, als wäre der Sympathikus schlecht und ungesund. Aber das stimmt so nicht. Viele alltägliche Situationen brauchen Sympathikus-Energie. Ungesund ist nur, wenn wir da ständig drin hängen. Entscheidend ist, dass das Nervensystem flexibel in den Zustand wechseln kann, den die Situation gerade braucht. Starten wir bei den drei zentralen Zuständen, die in einem Alltag vorkommen, in dem wir uns sicher fühlen:
Die Entspannung des ventralen Vaguspfads: Du lachst mit Freunden. Das Gespräch fließt und du fühlst dich sicher und verbunden. Du arbeitest kreativ und die Zeit vergeht. Du kannst einfach da sein — ohne Anstrengung, ohne Anspannung. Das Nervensystem ist im Zustand sozialer Sicherheit. Der Körper ist entspannt und lebendig, im Gesicht ist ganz viel Mimik, die Stimme ist warm. Kontakt ist möglich. Du bist hoffnungsvoll, fühlst dich verbunden mit dir und deiner Umgebung.
Die Mobilisierung des Sympathikus ist nicht nur Stress. Es ist auch Begeisterung. Es ist Sport: Wenn du losläufst, steigen Herzschlag und Atemfrequenz, die Muskeln spannen sich an, Energie wird mobilisiert. Die Aufregung vor einem Auftritt. Die Energie in einem lebhaften Gespräch. Ausgelassen spielen. Motiviert sein, energiegeladen und aktiv. All das ist sympathische Aktivierung in Verbindung mit einem Gefühl von Sicherheit, was bedeutet, dass der ventrale Vagus immer auch involviert ist.
Die Immobilität des dorsalen Vaguspfads ist das, was dich in der Hängematte überkommt, wenn du dich sicher genug fühlst — dieses schwere, wohlig-träge Loslassen. Tiefe Ruhe. Auch der erholsame Tiefschlaf und die tiefe Stille der Meditation sind Beispiele hierfür. Das System fährt runter, um sich zu erholen und zu regenerieren.
Überwiegend handelt es sich in diesen Alltagskontexten um hybride Zustände: beim Spiel sind der ventrale Vagus und der Sympathikus aktiv, je nach Intensität mehr der eine oder der andere. In Momenten der Intimität sind der ventrale und der dorsale Vaguspfad aktiv. Bei jedem Einatmen steigt die sympathische Aktivierung, bei jedem Ausatmen die ventral-vagale. In einem gesunden, flexiblen Nervensystem ist es immer ein Wechselspiel.
Was dabei im Körper passiert
In welchem Zustand sich das Nervensystem befindet, wirkt sich messbar auf den Körper aus:
Herzschlag: Viele Menschen messen mit ihren Smartwatches die Herzratenvariabilität. Wenn die hoch ist, ist das ein Zeichen dafür, dass der ventrale Vagus sehr aktiv ist und so dafür sorgt, dass die Herzrate variabel und anpassungsfähig ist. Wenn der ventrale Vagus weniger aktiv ist, bremst er das Herz weniger und der Sympathikus sorgt dafür, dass die Herzrate schneller und gleichmäßiger wird. Der dorsale Vaguspfad wiederum verlangsamt den Herzschlag.
Atmung: Wenn wir uns in einem ruhigen, sicheren ventral-vagalen Zustand befinden, ist die Atmung ruhig, tief, das Zwerchfell bewegt sich auf und ab. Je stärker die Sympathikusaktivierung, umso schneller und flacher wird der Atem. Beim Rennen zum Beispiel — dann hebt und senkt sich der Brustkorb. Im dorsalen Zustand spart der Körper Energie, die Atmung wird langsamer und ist irgendwann kaum noch sichtbar.
Muskeltonus: Im ventralen Zustand ist die Muskulatur entspannt und reaktionsfähig — nicht starr, nicht schlaff. Im sympathischen Zustand ziehen sich die Muskeln zusammen und sorgen für Bewegung. Im dorsalen Zustand sinkt der Tonus: Schultern fallen, die Haltung gibt nach, der Körper wird schwerer.
Reparaturprozesse: Wenn das Nervensystem in Sicherheit ist — ventral und dorsal ohne Bedrohung — kann der Körper sich selbst reparieren. Die Verdauung läuft. Das Immunsystem ist aktiv. Zellen regenerieren sich. Chronische sympathische Aktivierung hingegen unterbricht diese Prozesse: Das System hat gerade Wichtigeres zu tun als zu verdauen oder zu heilen.
Das Nervensystem von Kindern — und warum Co-Regulation alles ist
Kinder kommen mit einem Nervensystem zur Welt, das sich noch in der Entwicklung befindet. Das bedeutet: Ein Kind kann sich noch nicht selbst regulieren, weil die neurologischen Strukturen dafür noch nicht vorhanden sind.
Was Kinder stattdessen brauchen, nennt man Co-Regulation. Das Nervensystem des Kindes orientiert sich am Nervensystem einer Bezugsperson. Nicht an den Worten, die diese Person sagt — sondern am Zustand ihres Nervensystems, am Klang ihrer Stimme, ihrer Mimik, Gestik und Körperhaltung. Wenn eine erwachsene Person wirklich reguliert ist — nicht nur ruhig tut, sondern flexibel mitschwingen und sich selbst beruhigen kann — kann das Nervensystem des Kindes sich daran orientieren. Die Bezugsperson leiht ihr Nervensystem sozusagen aus. Über die Zeit entwickeln sich dadurch neuronale Pfade, die es dem Kind ermöglichen, sich in leicht aufregenden Situationen immer öfter auch selbst zu regulieren.
Egal wie alt wir werden, trotzdem brauchen wir Menschen in manchen Situationen die unterstützende Co-Regulation einer anderen Person — einer Partnerin, eines Freundes, eines freundlichen Sanitäters nach einem Unfall, einer therapeutischen Begleiterin.
Im nächsten Teil der Serie schauen wir: Was passiert, wenn das Nervensystem Gefahr wittert?
SE für Erwachsene und Kinder
Für Erwachsene
Nervensystemarbeit mit Somatic Experiencing — für ein flexibles Schwingen zwischen den verschiedenen Nervensystemzuständen, das sich an sich verändernde Situationen anpasst und immer wieder zur Ruhe zurückfindet.
→ Mehr zur Begleitung für ErwachseneFür Kinder und Eltern
Wenn dein Kind etwas erlebt hat, das es ins Stolpern gebracht hat und Co-Regulation zur Mammutaufgabe geworden ist — nervensystemorientierte Begleitung für Kinder und ihre Familien.
→ Mehr zur Begleitung für Kinder und Eltern